Europas Wander- Extremtour 2017

Wenn man sich vornimmt 159 km und 3700 hm zu wandern ist das schon eine Hausnummer. Wenn das dann  aber noch in einen zeitlichen Rahmen von nur 48 Stunden gepackt wird, ist das schon total verrückt. Trotzdem waren rund 120 Sportler am Start um sich der Herausforderung zu stellen, von Willingen um den Edersee und zurück zu wandern.


Locker in 30 Stunden! Schlafen brauch ich nicht …

Jugendlicher Leichtsinn, so könnte man das wohl beschreiben. Das war mein Plan, den ich am Morgen vor dem Start schnell über den Haufen schmiss. Bei den Temperaturen und der Schwüle, war das definitiv nicht möglich. Zumindest nicht für mich. Der neue Plan: Ankommen, einfach ankommen!


5 Willinger am Start

Ein Event in dieser Art kann ohne „Uplandpower“ am Start doch gar nicht funktionieren. 😉 Folglich meldeten sich Jan, Thorsten, René, Jens und natürlich meine Wenigkeit für dieses Spektakel an. Keiner von uns hatte schon mal so eine extreme Wanderung unternommen, trotzdem wollten wir es versuchen. Ein paar Späße über Ankunftszeiten, ein paar blöde Sprüche zur Auflockerung – ganz klar – das wird eine spaßige Sache und wir schaffen das!

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# Uplandpower von links: Jan, Andreas, Thorsten, René und Jens

Letzte Anweisungen der Organisation

Kurz vor dem Start versammelten wir uns alle noch einmal im Besucherzentrum und bekamen letzte Instruktionen zur Beschilderung und dem Verhalten auf der Wanderung. Es wurde auf die enorme Streckenlänge und die damit verbundenen Höhenmeter aufmerksam gemacht.

„Wie 159 Kilometer? Es war die ganze Zeit die Rede von nur 59!“

„3700 Höhenmeter? Hast du sie noch alle?“

„Eine lockere Hüttentour mit Verpflegung, hast du gesagt!“

„Du hast mich angelogen! Du bist vielleicht ein Freund“

Klar meinten wir das nicht wirklich ernst, aber das wussten ja die Anderen um uns herum nicht und fingen an zu schmunzeln. Und schon wurde aus der „langweiligen“ Begrüßung, eine heitere Angelegenheit. Zumindest für uns 😉


Start frei

Wie sollte es an so einem schwülen Tag auch anders sein? Kurz vor dem Start fing es an zu Gewittern und wie aus Kübeln an zu plästern. Dann eine Wolkenlücke – „Wir können los!“ – Alles strömt nach draußen – tropf, tropf, platsch, platsch – und wieder gingen die Himmelsschleusen auf. „Kommando zurück!“ Mit 15 Minuten Verspätung ging es dann um viertel nach Vier auf die Reise. Trocken.

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# Los geht’s

An der Schule runter, durch den Kurgarten und dann am Kölner Hof vorbei, nach oben in den Haselnussweg. Die erste Etappe über 22 km, mit Kontrollstelle in Eimelrod, folgt stets dem Uplandsteig. Jens war in der Spitzengruppe zu sehen, wir anderen vier trotteten erst mal gemächlich hinterher. – Die Letzten werden die Ersten sein! – oder so 😀

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# Durch den Kurgarten

Aus unserem Vierergespann wurden schnell zwei Zweierteams. Jan und ich fanden schnell eine für uns angemessene Reisegeschwindigkeit, sowie René und Thorsten für sich. Bis zur Schwalenburg lagen schon einige Meter zwischen uns. Kurze Pause, Riegel in die Hand und weiter. Schließlich wollen wir es bis nach Goldhausen schaffen, bevor es richtig dunkel wird. Die Schwüle ließ uns den Schweiß nur so laufen. Runter ins Ittertal und dann den Frankenpfad hinauf. Dann ein Rauschen im Wald. Wieder fing es an zu regnen, doch unter dem Blätterdach der Buchen konnten wir trockenen Fußes weitergehen bis der Regen aufhörte. Wir machten Meter um Meter gut, ohne unsere Geschwindigkeit zu erhöhen. An Rattlar vorbei zur Dommelmühle, dann den Dommel hinauf und dann grobe Richtung Eimelrod.

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# Die Gewitterfront

Kurz hinter dem Dommelhof dann wieder Tropfen. Nass werden wollen wir nicht, also Regenjacken an. „Auf die Regenhose können wir wohl verzichten, gibt nicht viel!“ Gesagt, getan – weiter geht’s. Auf einmal wurde es richtig dunkel. Ein Blitz, ein Grollen. Herzlichen Glückwunsch. Jetzt wird es ungemütlich. So schnell wie der Regen kam, konnten wir gar nicht reagieren.  – „Plästerwetter im Schauerland“ – In Sekundenschnelle waren unsere Hosen komplett durchgeweicht. „Egal! Trocknet auch wieder!“ Regenselfie, ganz wichtig. Immerhin mussten wir für die Nachwelt dokumentieren, das wir jedem Wetter trotzen konnten. – Für Nichtschwimmer wären wohl an dieser Stelle Schwimmflügel angebracht gewesen – Ein Glück das wir beide die Seepferdchenprüfung abgelegt hatten, so konnten wir wenigstens nicht ertrinken. Kurz drauf folgte dann endlich das Wellnessprogramm. Hagel. Immer größer werdende Hagelkörner trafen unsere Körper. Die zwischen 1 und 3 cm großen Eiskugeln taten ganz schön weh. Für die musikalische Untermalung mit Lichteffekten sorgte Donnergott Thor.

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# Zuerst war der Regen noch lustig

Nach dem Regenguss ging es mit gefühlt Zentimeter hohem Wasser in den Schuhen weiter Richtung Eimelrod. Zum Glück wurde es nicht kalt und der leichte Wind ließ sogar unsere Klamotten leicht abtrocknen. In dem Glauben, das Schlimmste überstanden zu haben, ging es frohen Mutes und mit der einen oder anderen Melodie auf den Lippen weiter. Kurz vor Hemmighausen dann die nächste Dusche. Nur noch über die Kuppe dann sind wir bei der Verpflegung. Thor wollte aber unbedingt noch eine Zugabe spielen und war mit seiner Gewitterzelle genau über uns. So war auch der Dolby Surround Effekt am besten. Um uns herum überall Blitze, einer schlug direkt in den Umsetzer oberhalb des Ortes ein. Vorbei an einem Wanderpärchen entwickelte sich folgender Dialog:

„Oh nein schon wieder Gewitter und Blitze!“

„Mach dir keine Sorgen, der Blitz trifft immer den längsten in der Gruppe! Achso, die Regenschirme sollten sie vielleicht nicht ganz so hoch halten…“

„Und was ist mit euren Stöcken?“

„Natürlich Karbon, da passiert nicht‘s!“

Ein erstaunter Blick, die passenden Worte fehlten der guten Frau wohl und schon wurden die Regenschirme dichter an den Kopf herangezogen und ich meine sie hätte mit ihren Blicken ausgelotet, wen es von uns wohl am ehesten treffen würde. 😉

Geschafft! Der Landgasthof Sauer war erreicht. Nass bis auf die Knochen meldeten wir uns erst mal an, trafen dann auch Jens wieder und stärkten uns anschließend. Belegte Brötchen, Tee und Kaffee, ein bisschen Fruchtmus und ein Knoppers mit auf den Weg. Bloß nicht zu lange sitzen und kalt werden.

„Zum Glück regnet es, sonst würde man sehen, dass wir schwitzen!“ 😉

Also wieder raus in den Regen – nass waren wir ja eh schon. Es plästerte und plästerte und ein Ende war noch nicht in Sicht. Unter den Buchen entlang des alten Schulweges, fanden wir Schutz vor dem letzten Starkregenschauer des Tages. Oberhalb von Neerdar war dann alles vorbei. #afterrainselfie Und dann weiter Richtung Goldhausen und in unbekanntes Gebiet. Hier kannten wir uns beide nicht mehr aus, aber dank der, wenn auch manchmal nicht ganz eindeutigen, Streckenmarkierung, fanden wir auch immer den richtigen Weg.

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#afterrainselfie

Ein Grüppchen aus drei jüngeren Wanderern schloss zu uns auf. Nun waren wir bis Goldhausen nicht ganz so allein. Die drei übernahmen dann die Führungsarbeit. Jan und ich zogen im Windschatten mit. In der Dämmerung leuchteten immer mehr Glühwürmchen auf. Immer wieder einzelne, dann mehrere und zu guter Letzt ein schnell blinkendes Glühwürmchen- Paar. Und plötzlich war das Licht aus. „Haben wir die jetzt beim Liebesakt gestört?“ Wir werden es wohl nie erfahren, aber eines ist klar #nurprüdemachendaslichtaus 😉

Auch wenn die anderen Drei gedacht haben – Was sind das für Spinner – wir hatten unseren Spaß. Kurz darauf klärten wir die Drei dann darüber auf, dass es sich nicht um einen großen Haufen Pferdemist auf dem Weg handele, sondern um Elefantendung, da diese Tiere ja vor einiger Zeit, auf dem sich in der Nähe befindlichen Urwaldsteig, ausgewildert wurden. Danach musste nur noch erklärt werden, dass sich mit einem roten Käppchen auf dem Kopf oder der Großmutter an der Hand die Wahrscheinlichkeit erhöht, einen Wolf zu sehen. Nach einer langen dunklen Waldpassage mit anschließendem Asphaltanstieg erreichten wir die Eisenberghütte in Goldhausen. Hier warteten Bratkartoffeln und Spiegelei auf uns.

Nach dem Essen Stirnlampen raus, trockene Socken an und dann gemütlich weiter Richtung Asel. Gefühlt wurde der Asphaltanteil immer höher und die Markierung der Strecke zum Teil etwas alternativ. Das gefiel uns beiden nicht, war aber nicht zu ändern.

„Moin, was macht ihr denn hier?“

„Könnt ihr auch nicht schlafen?“

Ab und zu versuchten wir die Stimmung auf der Strecke ein wenig aufzuheitern, trafen aber hin und wieder auf echte Spaßbremsen. Naja an uns sollte es nicht liegen, also immer locker fröhlich weiter. So langsam machten sich an unseren Füßen Blasen bemerkbar. Vielleicht war es doch nicht so eine gute Idee, trockene Socken an aufgeweichte Füße zu ziehen und dann mit den nassen Schuhen weiter zu gehen – hinterher ist man immer schlauer.

Leider erlebte ich auf dieser Etappe ein Déjàvu. Meine operierte Leiste machte sich bemerkbar. Aus dem Ziehen wurde ein unangenehmer Schmerz. Gemeinsam mit Jan fing ich an abzuwägen. Weitergehen und es zu probieren oder vernünftig sein und in Asel aufhören. Nachdem die letzten Meter für mich nicht wirklich einfacher wurden, entschloss ich mich nach dem Essen im Dorfgemeinschaftshaus, dieses Abenteuer zu beenden. Klar war das nicht befriedigend, aber besser als später irgendwo zu liegen. Kurz vor vier Uhr morgens, verabschiedete ich mich dann von Jan, der trotz Blasen an den Füßen den Weg fortsetzte.

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# Da trennten sich unsere Wege. Freitag Morgen kurz vor Vier

Gescheitert. Nein! Nicht gescheitert, sondern gewonnen. Ich habe zwar nur etwas über 1/3 der Strecke geschafft, aber ich habe an Erfahrung gewonnen und an Vernunft. An einem Punkt aufzuhören, an dem der Kopf eigentlich noch weiter will, aber der Körper streikt, ist ein großer Schritt. Es gehört auch Mut dazu aufzugeben und ist bestimmt keine Schande.

Wie ich am frühen Morgen dann erfuhr, stiegen René und Thorsten (gegen Fünf) an gleicher Stelle aus. Jens musste wegen Problemen am Sprunggelenk leider schon in Goldhausen die Segel streichen.

Fazit: Der Willingen Extrem Wandermarathon ist eine sehr gut organisierte Veranstaltung mit super Verpflegungsstellen und Wiederholungspotenzial. Das Prädikat „Extrem“ hat sich dieser Marathon auf jeden Fall verdient! An der Ausschilderung muss an einigen Ecken sicher noch gearbeitet werden, denn im Dunkeln sieht es doch etwas anders aus als tagsüber. 159 km und 3700 hm in 48 Stunden, kann man machen, muss man aber nicht 😉 Einmal will ich die Strecke aber schaffen! Bis dahin wird weiter Rad gefahren.


Die Zahlen:

57,8 km | 1200 hm

82571 Schritte | 6100 verbrannte Kalorien

11 Std. 33 Min. unterwegs


#neverchangetherunningsystem

Wenn sich einer wie Jan so durchbeißt, muss man den zumindest auf den letzten 17 Kilometern unterstützen. Mehr kann ich als Freund nicht tun. Aber wann ist der wo? Morgens um kurz vor Drei dann ein Lebenszeichen von Jan. „Starte gegen Drei in Goldhausen und bin um Sieben in Usseln!“ Ein Blick auf die Zeit – 6:10 Uhr – „Oh jetzt aber schnell!“ In Sekundenschnelle war ich wach. Duschen, anziehen, Tasse Kakao, Frühstück wird mitgenommen.

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# Ausblick vom Krutenberg

Gegen 6:50 Uhr war ich dann an der Verpflegungsstelle in Usseln und Jan? Jan war schon wieder unterwegs.  – Dann suchen wir mal – An der Diemelquelle fand ich ihn schließlich. Er hatte sich mit Hardy zusammengetan um nicht alleine laufen zu müssen. So waren wir also zu dritt. Prompt fing auch das Rumgeblödel wieder an. Nur noch auf den Krutenberg und dann können wir das Ziel schon sehen. Unser Ziel war die ganze Zeit schon der Ettelsberg, denn danach ging es nur noch bergab.

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# Am höchtsten Punkt der Strecke

Über den „Toten Mann“ bis zur „Hildfelder Höhe“, dann Richtung „Streit“ und „Große Grube“. Am Donnerstag haben wir uns so geärgert, dass wir den Hochheideturm so lange sehen konnten und nun? Nun war er so nah wie noch nie. Zum Glück. Am höchsten Punkt der Strecke durfte ein Bild nicht fehlen. Anschließend ging es nochmal Konzentriert an den Abstieg. „Ich laufe doch keine 159 km um dann mit der Gondel zu fahren!“ Gesagt, getan. Und schon waren wir unten. Jetzt noch der Zielsprint. Geschafft!

Jan
# Finisher 2017 – Jan ist der Geilste!!!

Meine geänderten Zahlen:

73,1 km | 1540 hm

104.000 Schritte | 7455 verbrannte Kalorien

14 Std. 27 Min. unterwegs


Hier noch ein super schöner Erlebnisbericht von schöne-aussicht.de

# Roadmap
Willingen – Edersee Extrem

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2 Gedanken zu „Willingen – Edersee Extrem

  1. Geiler Bericht – Geiler Lauf!!

    Respekt an alle Teilnehmer…

    Nicht vergessen das Hannibal persönlich die Elefanten nach der Alpenüberquerung beim Urwaldsteig ausgewildert hat!

    In dem Sinne

    LG Vincent

    1. Danke Vincent! 😀

      Ich wollte nicht alle Details vorwegnehmen damit ich bei der nächsten Runde noch etwas zu erzählen habe und nicht alle sagen: „Das wissen wir doch schon!“ 😉 Den nackten Mann habe ich ja auch nicht erwähnt … 😉

      Bist du durchgekommen? Wir haben uns ja nicht mehr gesehen …

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